Warum Trainer-Altmeister Günter Unterdörfer auch an seinem 80. Geburtstag das Laufen nicht ganz vergessen kann

Seinen heutigen 80. Geburtstag verbringt Lauftrainer Günter Unterdörfer an der polnischen Ostseeküste. So richtig passt ihm der Kurzurlaub, den er von seinen Kindern geschenkt bekam, aber nicht.

„In einer Woche sind die Deutschen Senioren-Hallenmeisterschaften in Erfurt und nächsten Dienstag muss ich deshalb wieder beim Training in der Panndorfhalle sein. Aber das kriegen wir schon hin. Die Fahrt dauert ja nur sechs Stunden“, so Unterdörfer, der noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Die kleine Geschichte erzählt viel über Günter Unterdörfer und darüber, mit welcher Ernsthaftigkeit und Konsequenz er seit mehr als 55 Jahren auf den Laufbahnen agiert. „So lange die Gesundheit hält, mache ich weiter“, sagt der Wahl-Agaer.

Schon 1964 gehörte er zu den Mitbegründern der Sektion Leichtathletik bei der BSG Wismut Gera. In seiner Jugend war Unterdörfer selbst in der Leichtathletik, im Fußball, Handball und im Wintersport aktiv. Bereits 1958 hatte er an der DHfK das Sportlehrer-Diplom erworben. 1974 qualifizierten sich Sportler seiner Trainingsgruppe erstmals für die kleinen DDR-Meisterschaften. Ein Jahr später gab es gleich vier Medaillen beim Republiksfinale im Cross der Jugend. Seine Schützlinge Kerstin Schmeißer und Brigitte Müller holten Gold. Je zehn Aktive schickte der Wismut-Trainer in der Bezirksauswahl zu den DDR-Spartakiaden 1975 und 1977. Marathon-Läuferin Birgit Weinhold brachte Trainer Günter Unterdörfer wieder auf Kurs, nachdem sie in Dresden nicht auf der Kinder- und Jugendsportschule aufgenommen wurde. Unterdörfer baute sie auf, schickte sie zum SC Motor Jena, wo sie sich im Marathon 1988 für Olympia in Seoul qualifizierte, wegen eines Ermüdungsbruchs im Fuß aber nicht an den Start gehen konnte.

Auch nach der politischen Wende blieb Günter Unterdörfer der Leichtathletik im Stadion der Freundschaft treu. Einige seiner Sportler gingen den Weg an die Sportgymnasien nach Jena oder Erfurt. Am weitesten schaffte es Melanie Schulz, die 2001 bei der U23-EM in Amsterdam über 3000 m Hindernis siegte und bei der EM 2002 in München über 5000 m Zehnte und 2009 Deutsche Meisterin im Halbmarathon wurde. Weitere JEM-Starter wie Doreen Klose und Matthias Tischmann brachte er hervor, stand am Anfang der sportlichen Laufbahnen von Fußball-Europameisterin Bianca Schmidt oder Profi-Triathlethin Kristin Möller. Mit Langstrecklerin Astrid Hartenstein schaffte er es später zu den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Höhepunkt war Platz acht über 1500 Meter 2014 in Ulm.

2013 gehörte Günter Unterdörfer zu den Mitbegründern des LV Gera. „Davon hatten wir uns mehr versprochen. Eine Trennung zieht immer einen Verlust der Stärke nach sich. Beide Vereine, der LV Gera und der 1. SV Gera haben zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Seitdem es zwei Vereine gibt, haben nicht mehr Kinder zur Leichtathletik gefunden. Die Talente muss man mit der Lupe suchen“, sagt das Trainerurgestein, das keinem Sportler mehr zum Wechsel auf ein Sportgymnasium raten würde. „Wir haben in den letzten Jahren viele Talente verloren beim Übergang in den Junioren- und Erwachsenenbereich. Keiner nimmt sich bei den großen Vereinen mehr Zeit. Entweder man schafft den Sprung sofort oder man schafft ihn nie. Ich vermisse die Arbeit mit dem Menschen“, schimpft der Altmeister und weiß, wovon er spricht.

„Melanie Schulz hat mir da in vielen Gesprächen die Augen geöffnet. Wenn einer allerdings von sich aus aufs Sportgymnasium möchte, würde ich ihm natürlich keine Steine in den Weg legen“, sagt er. Überhaupt scheint der Talentequell aus der Nach-Wende-Zeit versiegt zu sein. „Die Kinder und Jugendlichen sind übersättigt von der Vielfalt der Freizeitangebote. Sie wollen nicht mehr regelmäßig trainieren, sich an einen Verein binden. Die Einflüsse von außen sind zu groß. Auf die Trainer wird nicht mehr gehört. Auch die Eltern spielen eine wichtige Rolle. Am besten ist, wenn sie zwar engagiert sind, aber keine Ahnung vom Sport haben“, hat Günter Unterdörfer ausgemacht und ergänzt: „Die jungen Sportler wollen lächelnd aus dem Stadion gehen und möglichst nicht erschöpft sein. Das geht aber nicht im leistungsorientierten Sport. Daran hat sich in den letzten fünfzig Jahren nichts geändert. Aber heute wird über jeden Trainingsplan erst einmal diskutiert.“

Eingestellt hat er sich darauf im Laufe der Jahre. „Entweder man hört auf als Trainer oder man findet einen Weg, damit klar zu kommen und backt kleinere Brötchen. Da muss man aber viele alte Prinzipien über den Haufen werfen“, so Unterdörfer, der das nicht immer geschafft hat.

Zuletzt verließen ihn mit Tim Schneegaß und Max Kießling einige seiner Hoffnungsträger wegen Differenzen in der zukünftigen Ausrichtung. Viele Talente hat Günter Unterdörfer jetzt nicht mehr in seiner Trainingsgruppe. „Die meisten wollen etwas für die Gesundheit tun. Das ist sehr löblich, reicht mir aber nicht. Ich stehe für den leistungsorientierten Laufsport“, so der Trainer.

Der zehnjährigen Marie Fechner traut er einiges zu. „Sie hat Potenzial. Aber der Weg ist noch weit. Für sie würde ich aber noch ein paar Jahre drän hängen“, meint der Übungsleiter mit Leidenschaft, der auch Nadja Schmidt nach ihrem Kreuzbandriss wieder auf dem läuferischen Niveau wie vor ihrer Knieverletzung ansieht.

„Allerdings hat sie während der Verletzungspause das süße Leben abseits der Laufbahn kennengelernt. Da ist es schwer, mit dem vorherigen Enthusiasmus zurückzukehren. Da muss man schon etwas verrückt sein“, sagt Günter Unterdörfer. Mit 80 Jahren macht ihm niemand mehr etwas vor.

Quelle OTZ: https://www.otz.de/sport/guenter-unterdoerfer-auch-mit-80-trainer-mit-leidenschaft-id228499057.html

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